We are dirty girls

‘DIRTY GIRLS’: 13-YEAR-OLD RIOT GRRRLS DON’T GIVE A SHIT WHAT YOU THINK OF THEM, 1996

Fascinating amateur documentary about some spirited and independent-thinking 13-year-old riot grrls who publish their own ‘zine. They’re the outcasts of the school and they just don’t give a shit.

Shot in 1996 by Michael Lucid, when he himself was a high school student, and finished in 2000.

Via dangerousminds

Sally Nixon ♡♡♡

„Sally Nixon is an illustrator living in Little Rock, Arkansas. She graduated from the University of Arkansas at Little Rock in 2013 with a BFA in illustration. She loves drawing girls because they’re pretty and food because it’s the best. Currently, she is in the middle of a 365 day drawing challenge in which she completes one small drawing every day.“
#sallynixon https://www.instagram.com/sallustration/


Equal Pay Day – Sexismus auf dem Konto

Heute ist der Tag, an dem Frauen so viel Geld verdient haben wie Männer am 31. Dezember des Vorjahres. Frauen fehlen in gutbezahlten Führungspositionen, arbeiten häufig Teilzeit und nicht zuletzt werden Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden, schlechter bezahlt.

Artikel von Anja Krüger, erschienen in Jungle World
Noch immer verdienen berufstätige Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Die Arbeitgeberverbände finden, dass Frauen daran selbst schuld sind.

Nach fünf Jahren Kampf für einen gerechteren Lohn mussten sich die zehn Packerinnen der Schwerter Erdnussrösterei Felix Knusperfrisch geschlagen geben. Ihre männlichen Kollegen wurden weiterhin zwei Lohngruppen besser bezahlt als sie – für die gleiche Arbeit. In den unteren Instanzen hatten die Frauen mit ihrer Forderung nach gleicher Entlohnung Erfolg gehabt. Doch 1995 scheiterten sie vor dem Bundesarbeitsgericht – aus formalen Gründen. Immerhin eines brachte die Klage: öffentliches Aufsehen. Und wenigstens in den Gewerkschaften bekam die Diskussion um Frauenlohngruppen enormen Auftrieb. Mehr als 20 Jahre später ist die Lohnlücke nach wie vor groß.

Eigentlich wäre die Sache ganz einfach: Unternehmen müssten die Löhne und Gehälter für Frauen auf das Niveau der Männer heben. Doch die denken gar nicht daran. Ihre Strategie ist, den tatsächlichen Unterschied klein zu rechnen und die Verantwortung für die Lücke der Gesellschaft im Allgemeinen und den Frauen im Besonderen zuzuschieben. Zu diesem Zweck halten sich Arbeitgeber- und Industrieverbände eigene Institute. »Lohnlücke zwischen Frauen und Männern existiert faktisch kaum«, heißt es zum Beispiel in einer Pressemitteilung des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (ifaa). Dahinter steht ein Verein, dessen Mitglieder die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindus­trie sind. »Real existiert keine nennenswert große Lücke zwischen den Löhnen von Frauen und Männern. Sie liegt bei der Gesamtbetrachtung aller Faktoren um zwei Prozent«, erklärt Sven Hille, Leiter der Fachgruppe »Arbeitszeit und Vergütung« am ifaa. Das Statistische Bundesamt dagegen geht von einer Lohnlücke von 22 Prozent aus.

Anders als die bundeseigenen Statistiker hat der von den Arbeitgebern beauftragte Wissenschaftler Hille für seine Berechnung sämtliche Faktoren ausgeklammert, die für unterschiedliche Verdiensthöhen verantwortlich sind, wie die Arbeitszeit, den Beruf und die Dauer der Betriebszugehörigkeit – also Gesichtspunkte, bei denen aufgrund gesellschaftlicher Rollenbilder mit Unterschieden zu rechnen ist. Nach diesem Abzug kam Hille immer noch auf einen Unterschied von sieben Prozent bei der Entlohnung. »Rechnet man noch die ununterbrochene Beschäftigungsdauer hinzu, bleibt eine Lücke von zwei Prozent«, stellt er fest. Das Institut ist stolz. »Damit widerlegt der Experte des ifaa den Mythos um eine Lohnlücke von 22 Prozent«, lobt es.

Das Statistische Bundesamt ermittelt die Unterschiede anhand der durchschnittlichen Stundenlöhne. 2014 bekamen Frauen demnach 15,83 Euro, Männer 20,20 Euro. Diese Werte stellt auch das Arbeitgeberinstitut ifaa nicht in Frage. Aber wenn Frauen den gleichen Job ausüben, bekommen sie nicht weniger als Männer, sagt Hille. »Frauen werden definitiv nicht für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt«, behauptet er.

Doch das ist falsch. Tarifverträge dürfen bei der Bezahlung zwar nicht nach Männern und Frauen unterscheiden. Aber: Lohnkategorien, die etwa nach der Schwere der Arbeit unterscheiden und deshalb vor allem für Frauen gelten, sind zulässig. Immer wieder werden Männer systematisch in höhere Gehaltsstufen gruppiert als Frauen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit verrichten. Die heutige zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, hat als Tarifsekretärin die Erfahrung gemacht, dass Arbeitgeber oft systematisch versuchen, auf Kosten der Frauen zu sparen. »Vielfach wurden Tätigkeiten von Teamassistentinnen unter Wert beschrieben, um sie entsprechend niedriger eingruppieren zu können«, berichtet sie. »Ein anderes Beispiel ist die tarifliche Leistungszulage. Ohne gute Betriebsvereinbarungen dazu wird sie meist nach Gutdünken unter den Beschäftigten verteilt, und dann bekommen Männer in der Regel höhere Zulagen als Frauen.« Nach Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erhielten 2013 zum Beispiel Köche im Monat ein Bruttogehalt von 2 090 Euro, Köchinnen nur 1 648 Euro, Metallarbeiter bekamen 2 659 Euro, Metallarbeiterinnen 2 078 Euro. Männliche Verwaltungs­fach­angestellte erhielten 3 309 Euro, weibliche 2 724 Euro.

Oft wissen Frauen gar nicht, dass der Kollege nebenan sehr viel mehr verdient. Denn in Deutschland gehört es zum guten Ton, nicht über die Höhe des eigenen Verdienstes zu reden. Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig will mehr Transparenz schaffen und Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten zu einem Bericht verpflichten, in dem sie ihre Bemühungen für mehr Lohngerechtigkeit dokumentieren. Den Unternehmensverbänden geht schon das zu weit.

Mehr verspricht die flankierende Initiative zum Gesetz: Schwesig will gemeinsam mit Gewerkschaften und Arbeitgebern Projekte initiieren, »um die Muster von struktureller Entgeltungleichheit in Tarifverträgen zu erkennen und zu überwinden«, wie es in einer Erklärung ihres Ministeriums heißt.

Nach einer Untersuchung der Böckler-Stiftung profitieren Frauen stärker als Männer davon, wenn sie in tarifgebundenen Arbeitsverhältnissen tätig sind. Bei Beschäftigungsverhältnissen ohne tarifvertragliche Bestimmungen entscheidet der Chef alleine über den Lohn – oft genug willkürlich. Sexismus spielt eine wichtige Rolle bei der Unterbezahlung von Frauen. Nicht nur Berufspausen für die Erziehung und Probleme bei der Kinderbetreuung blockieren Frauen – damit haben auch immer mehr Männer zu kämpfen. Aber erstaunlicherweise berichten viele Männer, dass ihnen eine Kinderauszeit bei der Karriere eher geholfen hat.

Dass es Handlungsbedarf gibt, weiß auch Hille. »Ändern müssen sich die Erwerbsverläufe von Frauen«, fordert er. Die Unternehmen würden schon allerlei dafür tun, etwa auf flexible Arbeitszeiten setzen. »Zu guter Letzt sind die Frauen auch selbst gefordert, sich für andere Karrierewege zu entscheiden«, teilt sein Institut mit. Die Botschaft: Frauen sind selbst schuld, sollen sie sich doch einen besser bezahlten Beruf suchen.

In diese Kerbe schlägt auch die deutsche Initiative »Equal pay day«, die sich am internationalen Aktionstag für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen beteiligt. Der diesjährige findet Samstag statt – unter dem Motto »Berufe mit Zukunft«. Der Blick wird also konsequent auf die Beschäftigten selbst gerichtet und nicht auf diejenigen, die für die schlechtere Bezahlung verantwortlich sind. Kein Wunder: Teil des nationalen Aktionsbündnisses sind die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und der Verband deutscher Unternehmerinnen.

Beißreflexe – Eine Streitschrift


Klare Leseempfehlung für den Sammelband „Beißreflexe“! In dem darin enthaltenen Artikel „Die schwule Gefahr“ kritisiert Patsy l’Amour laLove das Buch »Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität«, in dem die Autoren Voß und Çetin für die Überwindung der Homosexualität plädieren, da diese mit Rassismus und Kolonialismus verschränkt sei. Patsy l’Amour laLove hierzu: „…die Unterdrückung geht stets nur von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen aus, die »auf der Täterseite« stehen und deshalb ihre Privilegien reflektieren sollten. Dazu gehören besonders die weißen Schwulen. Die Autoren kritisieren zwar die Gegenüberstellung von Homosexuellen und Muslimen, treiben sie aber selbst auf die Spitze: Die Schwulen üben demnach die Herrschaft über »die Anderen« aus. Homosexuellenfeindlichkeit ist den Autoren nicht der Rede wert. Morgen referiert Voß an der Universität Regensburg. Wir wünschen ihm Gegenwind.

Der Sammelband

Der ganze Artikel von l’Amour laLove

Die Veranstaltung

Stefanie Sargnagel: Heil Hysteria

Auf einen Hetzartikel der „Kronen-Zeitung“ gegen Stefanie Sargnagel folgten massenhafte Mord- und Vergewaltigungsdrohungen und die vorübergehende Sperrung ihres Facebookprofils. Das Patriarchat spuckt Gift und windet sich auf dem Totenbett. Heil Hysteria! Es lebe das goldene Matriarchat!

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Noch immer und immer wieder: Für den Feminismus

Merle Stöver, die sich vor allem zu dem Thema „Feminismus und Antisemitismus“ einen Namen gemacht hat, formuliert in ihrem Text „Noch immer und immer wieder: Für den Feminismus“ Kritik an der poststrukturalstischen queer*feministischen Szene:

Seine Präsidentschaft ist gerade mal vier Tage alt, als Donald Trump umgeben von seinem Vizepräsidenten und sechs Beratern die Global Gag Rule gestrichen hat. In einem präsidialen Dekret strich er staatliche Zuschüsse für diejenigen Organisationen, die im Ausland Abtreibungen anbieten: Sieben feixende Männer stehen um seinen Schreibtisch, während er die Finanzierung und Unterstützung bei Abtreibungen und Beratung für Frauen kippt. Der Akt des Streichens und Wiedereinführens der Global Gag Rule per Präsidialdekret ist nahezu traditioneller Bestandteil des Wechsels von demokratischem zu republikanischem Amtsinhaber und damit zwar selbstverständlich zu skandalisieren, aber nicht sonderlich überraschend. Dennoch macht es vor allem eines sichtbar: Das Leben von Millionen Frauen liegt in den Händen der Prekarität, ihre Absicherung und ihre Würde scheinen verhandelbar. Sie sind schlichtweg ausgeliefert.

Das Patriarchat hat sich gewandelt – natürlich hat es das, die Verpflechtungen mit dem Kapitalismus und seinen Verwertungslogiken liegen auf der Hand. Durch die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft tritt das Patriarchat weniger brachial auf, jedoch sind seine Existenz und die Auswirkungen misogyner und ignoranter Politiken stetig und zeichnen sich vor allem durch die prekären Lebensrealitäten vieler Frauen und LGBTI* aus. Die Einbeziehung feministischer Analysen ist unumgänglich – und das immer und immer wieder betonen zu müssen ermüdend. Feminismus ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit und das Erwirken emanzipatorischer Veränderung ohne Feminismus als wichtiges Analysemoment eine Unmöglichkeit. Die Situation von Frauen ist eben kein Kollateralschaden, sondern sie gibt Auskunft über die Verfasstheit einer Gesellschaft.

Nichts hat mich in meiner frühen Politisierung so sehr geprägt wie der Moment, in dem ich – endlich! – gelernt habe, dass das, was mir passiert, was in dieser Gesellschaft stets reproduziert wird, Namen und Bezeichnungen hat. Kaum eine andere Forderung hat sich stetig so unvollendet angefühlt, kein Mantra war ermüdender und trotzdem so essentiell für mein Sein und mein Denken und hat sich so sehr durch jede Auseinandersetzung und jedes Auseinandersetzen gezogen wie die feministische Grundüberzeugung, die sowohl Grundlage jeder Gesellschaftsanalyse und –kritik sein muss, als auch den hier verschriftlichten Überlegungen zugrunde liegt.

Doch gerade in Anbetracht der Notwendigkeit der Artikulation feministischer Interessen – und damit meine ich bewusst „feministische Interessen“ und nicht „Interessen von Feminist*innen“ – ist es umso unabdingbarer, Partei für einen Feminismus zu ergreifen, der es wert ist und der überhaupt die theoretischen Fundamente zu radikaler Kritik in sich trägt: Einer Kritik der Verhältnisse und jedweder patriarchaler Unterdrückung – eben einer Kritik, die Feminismus ausmacht. Dass den derzeitigen Entwicklungen feministischer Theorie, die selten mehr als die Postmoderne als eigenen Maßstab kennen und jede abweichende Meinung mit einer Selbstverständlichkeit wegdekonstruieren, kein Moment der Kritik mehr innewohnt, sei zum Anlass genommen, über einen Feminismus nachzudenken und zu schreiben, der es wert ist, gerade weil er Kritik annimmt und zur Selbstkritik auffordert. Damit meine ich niemals, die persönliche Erfahrung auszuklammern und als irrelevant wegzuschieben. Aber sie ist nur ein Teil dessen, was gesellschaftliche Realität ist: Sie zu erzählen kann ein radikaler Akt sein, aber sie kann nicht ohne Analyse stehen bleiben, wenn es darum geht, feministische Gesellschaftskritik äußern zu wollen.
Zugleich ist dieser Text ein Versuch, das letzte Jahr zumindest bruchstückartig Revue passieren zu lassen, die Geschehnisse seit dem Barcamp Frauen 2016 und alledem, was damit einherging, zu reflektieren und Überlegungen niederzuschreiben.

Vor genau einem Jahr kündigte ich lediglich an, bei dem Barcamp Frauen, das seit einigen Jahren in Berlin stattfindet und dort ein Forum für die barrierearme Diskussion feministischer Themen bietet, über Antisemitismus unter Feminist*innen zu sprechen und mich dabei – unter anderem – auf feministische „Ikonen“ wie Laurie Penny und Angela Davis zu beziehen. Und trotzdem war dieser klägliche Zweizeiler meiner Vorankündigung Auslöser für eine Debatte, die nicht wie andere Auseinandersetzungen nach wenigen Tagen abebbte, sondern sich vielmehr wie der Beginn eines erbitterten Kampfes um jeden Zentimeter Raum anfühlte. Mittlerweile weiß ich, dass es nur Symptom dessen war, was schwelte und die Gräben auch immer noch weiter aufreißen lässt. Denn das, was sich aktuell zeigt, ist nicht der Feminismus, der tatsächlich das gute Leben für alle fordert, es ist vielmehr eine Ausgeburt des postmodernen Ungewissen, das Gesellschaftsanalyse durch reine Subjektivität zu ersetzen versucht. Marco Ebert (einer der Autoren in „Beissreflexe“) formulierte es letztens in einem Vortrag „Kritik an der Kritik: Kulturelle Aneignung“ als Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten, zwischen der Wahrheit und Wahrheiten. Die Subjektivität, die sich momentan rasend unter queerfeministischen Akteur*innen ausbreitet, schafft höchstens Geschichten, erzählt aber nicht die tatsächliche Geschichte von Herrschaft. Sie kann Wahrheiten schaffen, nähert sich damit aber höchstens der Wahrheit an, die durch Herrschaftsverhältnisse geschaffen ist.
Die Aktualität des Ganzen bietet täglich neue Beispiele. Feministische Allianzen formieren sich unter dem qua Theorie undefinierten Begriff „queer“ und unterstellen sich euphorisch den patriarchalen Gepflogenheiten des politischen Islam, nehmen Verschleierung als Symbol der Emanzipation auf sich und verlassen begeistert jeden politischen Weg radikaler Forderungen, sondern begeben sich stattdessen in die vagen Gefilde gefühlter Wahrheiten, in denen nicht mehr zählt, was formuliert wird, sondern nur noch, wer etwas formuliert. Und selbst das hat der postmoderne Feminismus spätestens an dem Punkt, an dem Schwarze Aktivist*innen mit anderer Meinung als Token bezeichnet wurden, hinter sich gelassen. Stattdessen biegt er sich alles so zurecht, bis ihre Wahrheitsfindung nur noch dem eigenen autoritären Charakter unterworfen ist. Neuester Höhepunkt war nicht zuletzt die Bezeichnung des Frauen*kampftages als „Fotzenfest“ und die Beschwerde darüber, dass zu viele Vulven abgebildet gewesen seien. Dass es dabei nicht bleiben dürfte, liegt auf der Hand.
Mit diesem Sammelbegriff „queer“, unter dem alle qua Selbstdefinition willkommen seien, im Rücken bilden sich seit einigen Jahren Allianzen, deren einziger Grundkonsens lediglich (Queer-)Feminismus ist und dessen einziges Anliegen es ist, mehr Sichtbarkeit und Reichweite für die Anliegen der Partizipierenden zu erlangen. Es ist ein Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis zu beobachten, das eine Kritik sowohl der queerfeministischen Theorie-„Ikonen“ als auch des Aktivismus, der mit einem Gestus der moralischen Erhabenheit daherkommt, notwendig macht. Zwar finden sich im Queertheoretischen bereits Ansätze, vor allem von Butler und Puar formuliert, die die Kämpfe entrechteter Minoritäten untrennbar verknüpft sehen, doch glaube ich nicht, dass Schilder mit der Aufschrift „Free birth control and Palestine“ tatsächlich aus einem Wissen um Theorie resultieren.
Der Definition dessen folgend, was queer nun also umfassen soll, partizipieren nicht nur die, die betroffen sind, sondern auch diejenigen, die sich betroffen fühlen. Generell ist zu sagen, dass eine Politik, die auf Betroffenheiten und der subjektiven Erzählung basieren, zumeist ihre analytische Schlagkraft verliert, wird ihr doch eine klare Priorisierung dessen zuteil, wer etwas sagt, und nicht der Frage, was gesagt wird. Und unter jener Maxime wurde als Reaktion auf meine vorgetragenen Gedanken beim Barcamp vergangenen Jahres in erster Linie kritisiert, dass eine weiße cis-Frau referierte, die dafür nicht qualifiziert sei, anstatt hauptsächlich zu diskutieren, was Inhalt meines Vortrags war – das passiert zwar auch und soll hier auch Erwähnung finden, war jedoch nicht der primäre Umgang mit meiner Kritik. Höhepunkt war das inständige Drängen auf die Offenlegung ob meiner Religionszugehörigkeit, als sei nur eine Jüdin dazu befugt, eine Kritik des Antisemitismus zu formulieren oder eine nach eigener Bezeichnung „Halbjüdin“ (Laurie Penny) zu kritisieren.Veranstaltungen werden unter der vorgehaltenen Maxime gestört, man wolle diskutieren, während jedoch jegliche Diskussion verhindert wird, indem Sprechverbote auferlegt und Sprecher*innen mit anderer Meinung aufgrund ihnen zugedichteter Eigenschaften („hetero“, „männlich“, „weiß“) denunziert werden, als sei es gängige Praxis emanzipatorischer Politik, jeder Äußerung die eigene Identität und ihre Charakteristika voranzustellen und als sei es legitimes Vorgehen, Outings zu erzeugen und zu erzwingen und als sei das Sprechen über wissenschaftliche Erkenntnis an sich das Problem und nicht die Tatsache, dass Ungleichwertigkeitsideologien aktuell so virulent sind.
Das Interesse an Vorträgen, das sich in den darauffolgenden Monaten zeigte, mich an 30 Orte brachte und welches in verschiedenen Publikationen mündete, zeigte mir vor allem, dass die Kritik relevant war. Sie wurde unterschiedlich aufgefasst, teils dennoch immer wieder hinter meine Sprecherinnenposition zurückgedrängt, aber: Sie stieß auf Interesse, auf offene Ohren, auf neue Gedanken, Widersprüche und die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Schnell wurde sichtbar, dass die Probleme tiefer liegen und Antisemitismus ein elementares, aber bei Weitem nicht das einzige ist. Nahezu schon unfähig, mit Kritik umzugehen, zeigten sich enorme Abwehrmechanismen in der Auseinandersetzung. Als Flora Eder aus Wien und ich bei der Veranstaltung „Zwischen den Stühlen. Gegen Antisemitismus und für Feminismus: Zu einem schwierigen Verhältnis in Theorie und Szene-Praxis.“ auftraten und uns zu Antisemitismus unter Feminist*innen und der Ablehnung von Feminismus in Teilen der israelsolidarischen bzw. antideutschen Szene äußerten, stand in der anschließenden Diskussion einzig und allein im Raum, ob wir feministisch genug seien, um über Feminismus zu sprechen.
Der Titel der Veranstaltung beschreibt eigentlich sehr zutreffend, wo ich mich befinde: Zwischen den Stühlen. Mit vielen Entwicklungen des Feminismus der Gegenwart nicht einverstanden, in den Theoriegebäuden der Ideologiekritik und der materialistischen Kritik der Zustände mehr und mehr zuhause, aber dennoch an anderen Punkten ganz und gar nicht einverstanden mit dem oft vorherrschenden Habitus in der israelsolidarischen Szene (dazu sei an dieser Stelle vor allem Floras Anteil an unserem Vortrag empfohlen, hier nachzuhören). Es ist ein ständiger Kampf an allen Fronten, der mich regelmäßig an die Grenzen meiner Kräfte bringt. Es hilft zu wissen, dass ich nicht alleine bin – und auch das ist eine Erkenntnis des letzten Jahres. Es ist zermürbend, jeder Äußerung voranzustellen, dass die geäußerte Kritik von innen kommt, aus jahrelangen feministischen Kämpfen resultiert und nicht von außen aufgedrängt wird, sondern vielmehr einen Prozess anstoßen und begleiten soll, der schon an der Hürde scheitert, den Sinn von Kritik zu begreifen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die gesellschaftliche und vor allem die unter den Prämissen des Feminismus agitierende Linke es schafft, sich auf den wesentlichen Kern ihrer Politik zu besinnen: Auf eine Gesellschaftskritik, die den Fall des Patriarchats anstrebt, die in Solidarität mit allen Frauen und LGBTI* steht, die Widersprüche aushalten kann, die gegen ihre Unterdrückung kämpfen, die diese skandalisiert und die das gute Leben für alle zum Ziel hat.
Merle Stöver
via

Lauf, Tayyip, lauf, die Frauen kommen – 8. März in Istanbul

Dieser Artikel ist ein Jahr alt – und trotzdem aktuell:

Die türkische Regierung propagiert immer offensiver alte Rollenbilder. Ein Anstieg der Gewalt gegen Frauen, Schwule, Lesben und Transpersonen wird dabei in Kauf genommen.

von Melanie Götz

»Lauf, Tayyip, lauf, die Frauen kommen«, skandierten Tausende beim traditionellen Nachtmarsch am 8. März in Istanbul, nachdem zwei Tage zuvor die verbotene Demonstration zum Internationalen Frauentag mit heftiger Polizeigewalt zerschlagen worden war. Das lautstarke Selbstbewusstsein der feministischen Bewegung konnte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdo­ğan, der just zum Frauenkampftag sein erzkonservatives Mantra zur Rolle der Frau als Mutter neu auflegte, indes nicht wirklich beeindrucken. Berufstätige Frauen, predigte er in gewohnt paternalistischer Manier, würden im Kapitalismus versklavt, Frauenbefreiung gefährde den »Schutz der Familie« und Geburtenkontrolle und Abtreibung trockneten die türkische Nation aus.

Erdoğans Ansprache bediente das misogyne Ressentiment, das die weibliche Selbstbestimmung als Verrat an der türkischen Nation diskreditiert. Die Ankündigung, das seit 1983 bestehende und liberal gehandhabte Recht auf Abtreibung erhablich einzuschränken, sorgte bereits 2012 für heftige Proteste. In seiner damaligen Funktion als Ministerpräsident hatte Erdoğan Abtreibungen als »tägliche Morde« bezeichnet und Frauen aufgefordert, dem Vaterland idealerweise drei, besser noch fünf Kinder zu schenken. An dem immer reaktionäreren frauenpolitischen Kurs der AKP-Regierung äußerten selbst konservative muslimische Frauenverbände Kritik und prangerten in einem Protestschreiben an die Regierung deren Tatenlosigkeit angesichts der patriarchalen Gewalt an: »Was tun Sie eigentlich dagegen, dass jeden Tag in der Türkei mindestens eine Frau von ihrem Mann oder einem anderen Verwandten ermordet wird?«

Tatsächlich ist die weitverbreitete Gewalt gegen Frauen seit Jahrzehnten ein gesellschaftliches Tabuthema. Zuletzt sorgte im Februar 2015 der Mord an der Studentin Özgecan Aslan, die sich erfolgreich gegen einen Vergewaltigungsversuch gewehrt hatte, für eine landesweite Protestwelle. Der Fall Aslan fachte die Debatte über die Folgen der Reislamisierungspolitik der AKP für das gesellschaftliche Klima neu an.

»Wir können ganz klar sagen, dass die AKP-Regierung aus ihrer Feindschaft gegen Frauen keinen Hehl macht. Fast jeden Monat hören wir von einem Mitglied der Regierung Aussagen, die sich gegen Frauen richten«, berichtet Selime Büyükgöze von der Frauenrechtsorganisation Mor Çatı.

Die AKP verfolge noch in den ersten Jahren nach ihrem Regierungsantritt 2002 einen Reformkurs, von dem Frauen, aber auch Minderheiten wie LGBT profitierten. Zu den rechtlichen Verbesserungen zählen die gesetzliche Gewaltprävention und Reformen im Strafgesetz zur Vergewaltigung sowie zur Abschaffung strafmildernder Umstände bei Verbrechen im Namen der »Fa­mi­lien­ehre«. Homosexualität war auch zuvor nicht verboten, gesellschaftlich jedoch geächtet und wurde repressiv verfolgt. Trotz des konservativen Klimas konnten sich auch Lesben, Schwule und transidente Queers zunächst besser organisieren. Dem Soziologen Zülfukar Çetin zufolge erreichten sie in dieser Zeit eine »eine sichtbare Mobilisierung, Stärkung und Akzeptanz in der Gesellschaft«. Beobachter im In- und Ausland führen die progressiven Schritte der ersten Regierungshälfte bei Menschen- und Bürgerrechten primär auf den EU-Reformdruck zurück. Mit den stagnierenden Beitrittsverhandlungen, spätestens nach dem Beginn der arabischen Revolten und dem Erstarken des politischen Islam und der Muslimbrüder in der Region zeichnete sich jedoch eine grundlegende Neuorientierung der alleinregierenden AKP ab.

Ab 2007 hat sich laut Çetin auch die Lage von LGBT wieder verschärft. Homosexuelle und Transpersonen berichteten vor der letzten Parlamentswahl von einer allgemeinen Atmosphäre der Angst und von Übergriffen durch Banden der AKP-Jugend.

Im mit der Änderung der gesellschaftspolitischen Agenda einhergehenden Bruch mit den alten säkularen Eliten aus den urbanen Mittel- und Oberschichten sieht der Journalist Yusuf Kanli von Hürriyet Daily News einen »de facto system change«. Zählte vor Regierungsübernahme der AKP zum – nie ganz eingelösten – Ausweis der Fortschrittlichkeit die strikt laizistische Verfasstheit der Republik einschließlich der sichtbaren Partizipation von Frauen an der öffentlichen Sphäre, stützt sich die vielbeschworene »türkische neue Mitte« unter der AKP vor allem auf die Förderung der wertkonservativen Familie, eine »religiös erzogene neue Generation«, die möglichst jung heiraten soll, und eine traditionelle Frauen- und Mutterrolle mit osmanischer Tugendhaftigkeit. Die jüngst geäußerten Haremsphantasien von Emine Erdoğan, First Lady und mithin weibliches role model der Republik, wonach die idealisierte osmanische Haremskultur Frauen vor allem »auf das Leben« vorbereitet und ihnen den erwünschten Verhaltenskodex vermittelt hätte, lassen tief blicken. Frauen und Männer seien von Natur aus ungleich und könnten, so der Präsident in wiederkehrenden Reden – mal mit Verweisen auf das »Wesen« der Frau, mal mit Blick auf die angeblich islamisch festgeschriebene Mutterrolle – gesellschaftlich gar nicht gleichgestellt werden. »Männer und Frauen haben gleiche Rechte«, garantiert Artikel zehn der türkischen Verfassung und hält im Nachsatz fest: »Der Staat ist verpflichtet, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Gleichberechtigung zu verwirklichen.« Diesem Verfassungsauftrag sieht sich die auf ein Präsidialregime zusteuernde Regierung offenkundig nicht verpflichtet. Es ist absehbar, dass die Bewegungen für die Rechte von Frauen und LGBT im Bündnis mit Kräften der liberalen, säkularen und linken Opposition, wie es bei den Gezi-Protesten erfolgreich erprobt wurde, noch länger gegen die weitere Institutionalisierung reaktionärer Sexualmoral und Rollenzwänge werden kämpfen müssen.

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We Are The Ones We’ve Been Waiting For

„Jessica Sabogal is an artist that continues to grow with resilience, prosper with purpose, and paint without fear. She seeks to connect the world around us with art that reminds all that women are to be valued, glorified, respected (…).“

http://www.jessicasabogal.com



8. März – internationaler Frauentag!

Im Jahr 1910 existierte in Europa nur ein Land, in dem Frauen das Wahlrecht hatten: Finnland. In Deutschland, England, Frankreich oder Italien hieß es hingegen für die Frauen, am Wahltag zu Hause zu bleiben.
Dieser Zustand brachte die Sozialistin Clara Zetkin beim Sozialistenkongress jenes Jahres in Kopenhagen dazu, angelehnt an die Frauenbewegung in den USA, einen internationalen Frauentag auszurufen. Er fand erstmalig im März 1911 statt. An diesem Tag sollten die Forderungen der Frauenbewegung auf die Straße und in die Öffentlichkeit getragen werden: Einführung des Wahlrechts, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und freier Zugang zu den Universitäten für Frauen. Dabei war diese frühe Frauenbewegung eng verknüpft mit der Arbeiterbewegung und dem Kampf für den Sozialismus. So sagte Clara Zetkin in ihrem berühmt gewordenen Referat, das den Titel »Für die Befreiung der Frau!« trägt: »Die Emanzipation der Frau sowie des gesamten Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein.“

Es gibt noch viel zu tun!
Es lebe das goldene Matriarchat!
8. März – internationaler Frauentag!