Noch immer und immer wieder: Für den Feminismus

Merle Stöver, die sich vor allem zu dem Thema „Feminismus und Antisemitismus“ einen Namen gemacht hat, formuliert in ihrem Text „Noch immer und immer wieder: Für den Feminismus“ Kritik an der poststrukturalstischen queer*feministischen Szene:

Seine Präsidentschaft ist gerade mal vier Tage alt, als Donald Trump umgeben von seinem Vizepräsidenten und sechs Beratern die Global Gag Rule gestrichen hat. In einem präsidialen Dekret strich er staatliche Zuschüsse für diejenigen Organisationen, die im Ausland Abtreibungen anbieten: Sieben feixende Männer stehen um seinen Schreibtisch, während er die Finanzierung und Unterstützung bei Abtreibungen und Beratung für Frauen kippt. Der Akt des Streichens und Wiedereinführens der Global Gag Rule per Präsidialdekret ist nahezu traditioneller Bestandteil des Wechsels von demokratischem zu republikanischem Amtsinhaber und damit zwar selbstverständlich zu skandalisieren, aber nicht sonderlich überraschend. Dennoch macht es vor allem eines sichtbar: Das Leben von Millionen Frauen liegt in den Händen der Prekarität, ihre Absicherung und ihre Würde scheinen verhandelbar. Sie sind schlichtweg ausgeliefert.

Das Patriarchat hat sich gewandelt – natürlich hat es das, die Verpflechtungen mit dem Kapitalismus und seinen Verwertungslogiken liegen auf der Hand. Durch die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft tritt das Patriarchat weniger brachial auf, jedoch sind seine Existenz und die Auswirkungen misogyner und ignoranter Politiken stetig und zeichnen sich vor allem durch die prekären Lebensrealitäten vieler Frauen und LGBTI* aus. Die Einbeziehung feministischer Analysen ist unumgänglich – und das immer und immer wieder betonen zu müssen ermüdend. Feminismus ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit und das Erwirken emanzipatorischer Veränderung ohne Feminismus als wichtiges Analysemoment eine Unmöglichkeit. Die Situation von Frauen ist eben kein Kollateralschaden, sondern sie gibt Auskunft über die Verfasstheit einer Gesellschaft.

Nichts hat mich in meiner frühen Politisierung so sehr geprägt wie der Moment, in dem ich – endlich! – gelernt habe, dass das, was mir passiert, was in dieser Gesellschaft stets reproduziert wird, Namen und Bezeichnungen hat. Kaum eine andere Forderung hat sich stetig so unvollendet angefühlt, kein Mantra war ermüdender und trotzdem so essentiell für mein Sein und mein Denken und hat sich so sehr durch jede Auseinandersetzung und jedes Auseinandersetzen gezogen wie die feministische Grundüberzeugung, die sowohl Grundlage jeder Gesellschaftsanalyse und –kritik sein muss, als auch den hier verschriftlichten Überlegungen zugrunde liegt.

Doch gerade in Anbetracht der Notwendigkeit der Artikulation feministischer Interessen – und damit meine ich bewusst „feministische Interessen“ und nicht „Interessen von Feminist*innen“ – ist es umso unabdingbarer, Partei für einen Feminismus zu ergreifen, der es wert ist und der überhaupt die theoretischen Fundamente zu radikaler Kritik in sich trägt: Einer Kritik der Verhältnisse und jedweder patriarchaler Unterdrückung – eben einer Kritik, die Feminismus ausmacht. Dass den derzeitigen Entwicklungen feministischer Theorie, die selten mehr als die Postmoderne als eigenen Maßstab kennen und jede abweichende Meinung mit einer Selbstverständlichkeit wegdekonstruieren, kein Moment der Kritik mehr innewohnt, sei zum Anlass genommen, über einen Feminismus nachzudenken und zu schreiben, der es wert ist, gerade weil er Kritik annimmt und zur Selbstkritik auffordert. Damit meine ich niemals, die persönliche Erfahrung auszuklammern und als irrelevant wegzuschieben. Aber sie ist nur ein Teil dessen, was gesellschaftliche Realität ist: Sie zu erzählen kann ein radikaler Akt sein, aber sie kann nicht ohne Analyse stehen bleiben, wenn es darum geht, feministische Gesellschaftskritik äußern zu wollen.
Zugleich ist dieser Text ein Versuch, das letzte Jahr zumindest bruchstückartig Revue passieren zu lassen, die Geschehnisse seit dem Barcamp Frauen 2016 und alledem, was damit einherging, zu reflektieren und Überlegungen niederzuschreiben.

Vor genau einem Jahr kündigte ich lediglich an, bei dem Barcamp Frauen, das seit einigen Jahren in Berlin stattfindet und dort ein Forum für die barrierearme Diskussion feministischer Themen bietet, über Antisemitismus unter Feminist*innen zu sprechen und mich dabei – unter anderem – auf feministische „Ikonen“ wie Laurie Penny und Angela Davis zu beziehen. Und trotzdem war dieser klägliche Zweizeiler meiner Vorankündigung Auslöser für eine Debatte, die nicht wie andere Auseinandersetzungen nach wenigen Tagen abebbte, sondern sich vielmehr wie der Beginn eines erbitterten Kampfes um jeden Zentimeter Raum anfühlte. Mittlerweile weiß ich, dass es nur Symptom dessen war, was schwelte und die Gräben auch immer noch weiter aufreißen lässt. Denn das, was sich aktuell zeigt, ist nicht der Feminismus, der tatsächlich das gute Leben für alle fordert, es ist vielmehr eine Ausgeburt des postmodernen Ungewissen, das Gesellschaftsanalyse durch reine Subjektivität zu ersetzen versucht. Marco Ebert (einer der Autoren in „Beissreflexe“) formulierte es letztens in einem Vortrag „Kritik an der Kritik: Kulturelle Aneignung“ als Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten, zwischen der Wahrheit und Wahrheiten. Die Subjektivität, die sich momentan rasend unter queerfeministischen Akteur*innen ausbreitet, schafft höchstens Geschichten, erzählt aber nicht die tatsächliche Geschichte von Herrschaft. Sie kann Wahrheiten schaffen, nähert sich damit aber höchstens der Wahrheit an, die durch Herrschaftsverhältnisse geschaffen ist.
Die Aktualität des Ganzen bietet täglich neue Beispiele. Feministische Allianzen formieren sich unter dem qua Theorie undefinierten Begriff „queer“ und unterstellen sich euphorisch den patriarchalen Gepflogenheiten des politischen Islam, nehmen Verschleierung als Symbol der Emanzipation auf sich und verlassen begeistert jeden politischen Weg radikaler Forderungen, sondern begeben sich stattdessen in die vagen Gefilde gefühlter Wahrheiten, in denen nicht mehr zählt, was formuliert wird, sondern nur noch, wer etwas formuliert. Und selbst das hat der postmoderne Feminismus spätestens an dem Punkt, an dem Schwarze Aktivist*innen mit anderer Meinung als Token bezeichnet wurden, hinter sich gelassen. Stattdessen biegt er sich alles so zurecht, bis ihre Wahrheitsfindung nur noch dem eigenen autoritären Charakter unterworfen ist. Neuester Höhepunkt war nicht zuletzt die Bezeichnung des Frauen*kampftages als „Fotzenfest“ und die Beschwerde darüber, dass zu viele Vulven abgebildet gewesen seien. Dass es dabei nicht bleiben dürfte, liegt auf der Hand.
Mit diesem Sammelbegriff „queer“, unter dem alle qua Selbstdefinition willkommen seien, im Rücken bilden sich seit einigen Jahren Allianzen, deren einziger Grundkonsens lediglich (Queer-)Feminismus ist und dessen einziges Anliegen es ist, mehr Sichtbarkeit und Reichweite für die Anliegen der Partizipierenden zu erlangen. Es ist ein Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis zu beobachten, das eine Kritik sowohl der queerfeministischen Theorie-„Ikonen“ als auch des Aktivismus, der mit einem Gestus der moralischen Erhabenheit daherkommt, notwendig macht. Zwar finden sich im Queertheoretischen bereits Ansätze, vor allem von Butler und Puar formuliert, die die Kämpfe entrechteter Minoritäten untrennbar verknüpft sehen, doch glaube ich nicht, dass Schilder mit der Aufschrift „Free birth control and Palestine“ tatsächlich aus einem Wissen um Theorie resultieren.
Der Definition dessen folgend, was queer nun also umfassen soll, partizipieren nicht nur die, die betroffen sind, sondern auch diejenigen, die sich betroffen fühlen. Generell ist zu sagen, dass eine Politik, die auf Betroffenheiten und der subjektiven Erzählung basieren, zumeist ihre analytische Schlagkraft verliert, wird ihr doch eine klare Priorisierung dessen zuteil, wer etwas sagt, und nicht der Frage, was gesagt wird. Und unter jener Maxime wurde als Reaktion auf meine vorgetragenen Gedanken beim Barcamp vergangenen Jahres in erster Linie kritisiert, dass eine weiße cis-Frau referierte, die dafür nicht qualifiziert sei, anstatt hauptsächlich zu diskutieren, was Inhalt meines Vortrags war – das passiert zwar auch und soll hier auch Erwähnung finden, war jedoch nicht der primäre Umgang mit meiner Kritik. Höhepunkt war das inständige Drängen auf die Offenlegung ob meiner Religionszugehörigkeit, als sei nur eine Jüdin dazu befugt, eine Kritik des Antisemitismus zu formulieren oder eine nach eigener Bezeichnung „Halbjüdin“ (Laurie Penny) zu kritisieren.Veranstaltungen werden unter der vorgehaltenen Maxime gestört, man wolle diskutieren, während jedoch jegliche Diskussion verhindert wird, indem Sprechverbote auferlegt und Sprecher*innen mit anderer Meinung aufgrund ihnen zugedichteter Eigenschaften („hetero“, „männlich“, „weiß“) denunziert werden, als sei es gängige Praxis emanzipatorischer Politik, jeder Äußerung die eigene Identität und ihre Charakteristika voranzustellen und als sei es legitimes Vorgehen, Outings zu erzeugen und zu erzwingen und als sei das Sprechen über wissenschaftliche Erkenntnis an sich das Problem und nicht die Tatsache, dass Ungleichwertigkeitsideologien aktuell so virulent sind.
Das Interesse an Vorträgen, das sich in den darauffolgenden Monaten zeigte, mich an 30 Orte brachte und welches in verschiedenen Publikationen mündete, zeigte mir vor allem, dass die Kritik relevant war. Sie wurde unterschiedlich aufgefasst, teils dennoch immer wieder hinter meine Sprecherinnenposition zurückgedrängt, aber: Sie stieß auf Interesse, auf offene Ohren, auf neue Gedanken, Widersprüche und die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Schnell wurde sichtbar, dass die Probleme tiefer liegen und Antisemitismus ein elementares, aber bei Weitem nicht das einzige ist. Nahezu schon unfähig, mit Kritik umzugehen, zeigten sich enorme Abwehrmechanismen in der Auseinandersetzung. Als Flora Eder aus Wien und ich bei der Veranstaltung „Zwischen den Stühlen. Gegen Antisemitismus und für Feminismus: Zu einem schwierigen Verhältnis in Theorie und Szene-Praxis.“ auftraten und uns zu Antisemitismus unter Feminist*innen und der Ablehnung von Feminismus in Teilen der israelsolidarischen bzw. antideutschen Szene äußerten, stand in der anschließenden Diskussion einzig und allein im Raum, ob wir feministisch genug seien, um über Feminismus zu sprechen.
Der Titel der Veranstaltung beschreibt eigentlich sehr zutreffend, wo ich mich befinde: Zwischen den Stühlen. Mit vielen Entwicklungen des Feminismus der Gegenwart nicht einverstanden, in den Theoriegebäuden der Ideologiekritik und der materialistischen Kritik der Zustände mehr und mehr zuhause, aber dennoch an anderen Punkten ganz und gar nicht einverstanden mit dem oft vorherrschenden Habitus in der israelsolidarischen Szene (dazu sei an dieser Stelle vor allem Floras Anteil an unserem Vortrag empfohlen, hier nachzuhören). Es ist ein ständiger Kampf an allen Fronten, der mich regelmäßig an die Grenzen meiner Kräfte bringt. Es hilft zu wissen, dass ich nicht alleine bin – und auch das ist eine Erkenntnis des letzten Jahres. Es ist zermürbend, jeder Äußerung voranzustellen, dass die geäußerte Kritik von innen kommt, aus jahrelangen feministischen Kämpfen resultiert und nicht von außen aufgedrängt wird, sondern vielmehr einen Prozess anstoßen und begleiten soll, der schon an der Hürde scheitert, den Sinn von Kritik zu begreifen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die gesellschaftliche und vor allem die unter den Prämissen des Feminismus agitierende Linke es schafft, sich auf den wesentlichen Kern ihrer Politik zu besinnen: Auf eine Gesellschaftskritik, die den Fall des Patriarchats anstrebt, die in Solidarität mit allen Frauen und LGBTI* steht, die Widersprüche aushalten kann, die gegen ihre Unterdrückung kämpfen, die diese skandalisiert und die das gute Leben für alle zum Ziel hat.
Merle Stöver
via

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