Das Patriarchat verschwindet nicht über Nacht

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Jörn Schulz berichtet in der Jungle World in „Avantgarde wider Willen“ über die Folgen jahrzehntelanger autoritärer Sozialisation und Entwicklungen, die in der arabischen Demokratiebewegung stattfinden müssen:

Dass sich nach dem 25. Januar 2011 Millionen Ägypter der kleinen Gruppe von Revolutionären anschlossen, war für diese selbst eine Überraschung. Allein hätte der harte Kern der Demokratiebewegung den Sturz Hosni Mubaraks nicht erkämpfen können.

Dass auf dem Tahrir-Platz ein von Muslimen geschützter christlicher Gottesdienst stattfand und die Geschlechtertrennung teilweise aufgehoben wurde, gehörte zu den ermutigenden Zeichen, die dazu führten, den Einfluss der Demokratiebewegung zu über- und der der Islamisten und Reaktionäre zu unterschätzen. Obwohl die Wahlen in Ägypten angesichts der fortdauernden Militärherrschaft und des Boykotts der revolutionären Bewegung nicht als repräsentativ gelten könne, ist nun klar: Mehr als 5 000 Jahre autoritärer Tradition lassen sich nicht in ein paar Wochen abschütteln.

So ist für viele Ägypter das Militär auch eine moralische Autorität. Als im Jahr 2008 das subventionierte Brot knapp wurde, sprang die Armee ein und verteilte die Erzeugnisse ihrer Bäckereien. Über die beim Militärdienst erlittenen ­Demütigungen zu sprechen, verbietet den meisten Ägyptern ihr traditionelles Männlichkeitsbild. Doch muss man davon ausgehen, dass der Kasernenhof in den Köpfen ein noch größeres Hindernis für die Demokratisierung darstellt als die Gewalt des Militärs.

Die Demokratiebewegung ist eine Avantgarde wider Willen, sie will nicht führen, sondern die Gesellschaft verändern. Eine angemessene Organisationsform hat sie noch nicht gefunden.
Auf die ersten schnellen Erfolge in Tunesien, Ägypten und Libyen folgen nun zähe gesellschaftliche Konflikte. In den meisten arabischen Staaten steht der regime change noch aus.

Nicht anders als während der Demokratisierung Europas, die zwei Jahrhunderte in Anspruch nahm, bleibt die extreme Rechte eine Bedrohung, es wird Rückschläge und wohl auch Bürgerkriege geben. Aber billiger ist der gesellschaftliche Fortschritt leider nicht zu haben.

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Jörn Schulz reported in the Jungle World about the consequences of decades of authoritarian socialization and developments that have to take place in the Arab democracy movement.

After the 25th of January 2011, millions of Egyptians joined the small group of revolutionaries. That was even a surprise for themselves. The hard core of the democracy movement would not have been able to overthrow Hosni Mubarak all alone.

The fact that a protected Christian worship took place in Tahrir Square and the separation of sexes has been partially lifted, was one of the encouraging signs that led overestimate the influence of the democracy movement and underestimate that of the Islamists and reactionary.
Although the elections in Egypt took place in the face of continued military rule and the boycott of the revolutionary movement, what makes them not be considered representative, one thing is clear: more than 5000 years of authoritarian tradition can not be shaken off in a few weeks.

For many Egyptians the military seems as a moral authority. As in 2008 bread was scarce the army distributed the products of their bakeries. Talking about the humiliations suffered during military service, is for most Egyptians prohibited by their traditional image of masculinity. But it must be assumed that the military in the minds is an even greater obstacle to democratization than the violence of army.

The democracy movement is a vanguard against their will, they do not want to lead, but to change society. An appropriate form of organization has not yet been found.

On the first quick success in Tunisia, Egypt and Libya now follow tough socially conflicts. In most Arab states the regime change has yet to take place. Not unlike during the democratization of Europe, which took two centuries to complete, the extreme right remains a threat, there will be setbacks and perhaps even civil war. But social progress costs its prize.

Unfortunately, the article is only available in german language.

Die Verliererinnen vom Tahrir-Platz

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„Diese Revolution hat uns gleich gemacht, Männer wie Frauen“, sagt Azza Helal Suleiman, „denn wir alle können sterben.“

Das Video vom Tahrir-Platz, in dem eine Frau von Militärs gedemütigt und misshandelt wird ging um die Welt. Wir sehen diese Aufnahmen und können nur erahnen, was in Kairo vor sich geht. Azza Helal Suleiman war vor Ort. Als sie der Frau auf dem Video zu Hilfe kommen wollte wurde sie ebenfalls zum Opfer. Die Folge: Ein Schädelbruch, ein Schnitt unter dem Auge, Prellungen an Armen und Beinen, schwere Blutungen.

Doch nicht nur die Bilder vom Tahrir-Platz machen deutlich: Frauen sind die Verliererinnen der Revolution.

Nach den ersten demokratischen Wahlen sind die Frauen nun auch politisch marginalisiert.
98 Prozent der Abgeordneten im neu gewählten Parlament werden Männer sein, nur zwei Prozent der Abgeordneten Frauen. Eine Quotenregelung, wonach mindestens zwölf Prozent aller Parlamentarier weiblich sein mussten, war vom regierenden Militärrat vor den Wahlen abgeschafft worden.

Liberale Kräfte hatten bei den Wahlen keine Chance. Das Resultat: Die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit der islamistischen Muslimbrüder ist mächtigste Gruppe im neuen Parlament, zweitmächtigste die Nur-Partei der Salafisten.

Die Islamisten nutzen die Gunst der Stunde. Es ist das »Coming-out« einer Bewegung, die in den vergangenen Jahrzehnten politisch nicht aktiv sein konnte, die aber die demokratischen Strukturen missbraucht, um eigene Ziele zu verwirklichen. Sie haben die Revolution »gekidnappt«.

Der Tahrir-Platz war das Symbol der Hoffnung. Nun ist er ein Symbol der Enttäuschung. Der arabische Frühling ist zum islamistischen Frühling geworden.

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„The revolution has made ​​us equal, men and women,“ said Azza Suleiman Helal, „because we all can die.“

The video from Tahrir Square, where a woman got humiliated and mistreated by the military went around the world. We see these pictures and can only imagine what goes on in Cairo.
Azza Suleiman Helal was there. When she tried to help the woman on the video she got abused herself. The result: a fractured skull, a cut under her eye, bruises on the arms and legs, severe bleeding.

But not only the images from Tahrir Square make clear that women are the losers of the revolution.

After the first democratic elections, the women are now politically marginalized.
98 percent of deputies in the newly elected parliament will be men, only two percent of parliamentarians will be women. A quota system, whereby at least twelve percent of all parliamentarians had to be female, had been abolished by the ruling military council before the elections.

Liberal forces had no chance in the elections. The result: The Party for Freedom and Justice of the Islamist Muslim Brotherhood is the most powerful group in the new parliament, the second most powerful party are Salafists.

The Islamists seize the hour. It is the „coming out“ of a movement that could not be politically active over the past decades. They now use the democratic structures to achieve their goals. They have hijacked the revolution.

The Tahrir Square was the symbol of hope. Now it is a symbol of disappointment. The Arab Spring has become an Islamist spring.

KAIRO: Mit perfider Einschüchterungstaktik sollen vor allem Frauen von weiteren Protesten abgehalten werden.


 

Letzte Woche erschien in der Jüdischen Allgemeine ein Artikel über die „Arabellion“, der vor der erstarkenden antiisraelischen und antisemitischen Propaganda durch islamistische Kräfte warnt:

Der Tahrir-Platz in Kairo ist der Ort, an dem das ägyptische Volk die alten Machthaber besiegt hat. Meinungs- und Religionsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und faire Löhne waren das Ziel. Das Land werde den eingeschlagenen Weg hin zur Freiheit nicht mehr verlassen, so hieß es, der Prozess der Demokratisierung sei unumkehrbar.

Doch nur wenige Monate nach den spektakulären Triumphen des Volkes in Ägypten, Tunesien, Libyen und anderen Ländern der Region scheint der arabische Frühling dem Herbst, vielleicht sogar dem Winter gewichen zu sein. Die Revolution ist ins Stocken geraten – zumindest aus Sicht der demokratischen Kräfte. Sie hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Nach der Flucht des tunesischen Diktators Ben Ali, der Tötung von Muammar al-Gaddafi, dem Sturz von Hosni Mubarak ist eines in der Region immer deutlicher geworden: Die Arabellion wird von den islamistischen Kräften missbraucht.

Gegen den aktuell regierenden Militärat gehen die Proteste weiter. Die Demonstrant_innen fordern die sofortige Machtübertragung auf die Zivilregierung und das Parlament, in dem radikalislamische Muslimbrüder (40%) und ultrakonservative Salafisten (35%) die überragende Mehrheit haben werden. Bei diesen Protesten kommt es zu Übergriffe durch Militär und Polzei, die gezielt auf Frauen verübt werden.
Das Video ist Ausdruck für die perfide Taktik mit der besonders Demonstrant_innen eingeschüchtert werden sollen und der Frauenfeindlichkeit in der ägyptischen Gesellschaft. Wie man deutlich sieht: Die Sicherheitskräfte sind bewaffnet, tragen Schutzkleidung und Schlagstöcke. Einer der Männer setzt gerade zu einem Fußtritt an. Das Opfer trägt Jeans und leichte Schuhe, der Oberkörper ist halb entblößt. Wehrlos liegt die junge Frau am Boden und muss die Schläge ertragen. Das Bild ist auf dem Tahrir-Platz in Kairo entstanden.

Ein weiteres Zeugnis über Frauengewalt legt  Samira Ibrahim ab, die bei einer Demonstration gegen den Militärrat verhaftet und durch einen „Jungfrauentest“ gefoltert und erniedrigt wurde.

Mehr Informationen findet ihr hier
Zum Artikel zu den Übergriffen geht es hier