Equal Pay Day – Sexismus auf dem Konto

Heute ist der Tag, an dem Frauen so viel Geld verdient haben wie Männer am 31. Dezember des Vorjahres. Frauen fehlen in gutbezahlten Führungspositionen, arbeiten häufig Teilzeit und nicht zuletzt werden Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden, schlechter bezahlt.

Artikel von Anja Krüger, erschienen in Jungle World
Noch immer verdienen berufstätige Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Die Arbeitgeberverbände finden, dass Frauen daran selbst schuld sind.

Nach fünf Jahren Kampf für einen gerechteren Lohn mussten sich die zehn Packerinnen der Schwerter Erdnussrösterei Felix Knusperfrisch geschlagen geben. Ihre männlichen Kollegen wurden weiterhin zwei Lohngruppen besser bezahlt als sie – für die gleiche Arbeit. In den unteren Instanzen hatten die Frauen mit ihrer Forderung nach gleicher Entlohnung Erfolg gehabt. Doch 1995 scheiterten sie vor dem Bundesarbeitsgericht – aus formalen Gründen. Immerhin eines brachte die Klage: öffentliches Aufsehen. Und wenigstens in den Gewerkschaften bekam die Diskussion um Frauenlohngruppen enormen Auftrieb. Mehr als 20 Jahre später ist die Lohnlücke nach wie vor groß.

Eigentlich wäre die Sache ganz einfach: Unternehmen müssten die Löhne und Gehälter für Frauen auf das Niveau der Männer heben. Doch die denken gar nicht daran. Ihre Strategie ist, den tatsächlichen Unterschied klein zu rechnen und die Verantwortung für die Lücke der Gesellschaft im Allgemeinen und den Frauen im Besonderen zuzuschieben. Zu diesem Zweck halten sich Arbeitgeber- und Industrieverbände eigene Institute. »Lohnlücke zwischen Frauen und Männern existiert faktisch kaum«, heißt es zum Beispiel in einer Pressemitteilung des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (ifaa). Dahinter steht ein Verein, dessen Mitglieder die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindus­trie sind. »Real existiert keine nennenswert große Lücke zwischen den Löhnen von Frauen und Männern. Sie liegt bei der Gesamtbetrachtung aller Faktoren um zwei Prozent«, erklärt Sven Hille, Leiter der Fachgruppe »Arbeitszeit und Vergütung« am ifaa. Das Statistische Bundesamt dagegen geht von einer Lohnlücke von 22 Prozent aus.

Anders als die bundeseigenen Statistiker hat der von den Arbeitgebern beauftragte Wissenschaftler Hille für seine Berechnung sämtliche Faktoren ausgeklammert, die für unterschiedliche Verdiensthöhen verantwortlich sind, wie die Arbeitszeit, den Beruf und die Dauer der Betriebszugehörigkeit – also Gesichtspunkte, bei denen aufgrund gesellschaftlicher Rollenbilder mit Unterschieden zu rechnen ist. Nach diesem Abzug kam Hille immer noch auf einen Unterschied von sieben Prozent bei der Entlohnung. »Rechnet man noch die ununterbrochene Beschäftigungsdauer hinzu, bleibt eine Lücke von zwei Prozent«, stellt er fest. Das Institut ist stolz. »Damit widerlegt der Experte des ifaa den Mythos um eine Lohnlücke von 22 Prozent«, lobt es.

Das Statistische Bundesamt ermittelt die Unterschiede anhand der durchschnittlichen Stundenlöhne. 2014 bekamen Frauen demnach 15,83 Euro, Männer 20,20 Euro. Diese Werte stellt auch das Arbeitgeberinstitut ifaa nicht in Frage. Aber wenn Frauen den gleichen Job ausüben, bekommen sie nicht weniger als Männer, sagt Hille. »Frauen werden definitiv nicht für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt«, behauptet er.

Doch das ist falsch. Tarifverträge dürfen bei der Bezahlung zwar nicht nach Männern und Frauen unterscheiden. Aber: Lohnkategorien, die etwa nach der Schwere der Arbeit unterscheiden und deshalb vor allem für Frauen gelten, sind zulässig. Immer wieder werden Männer systematisch in höhere Gehaltsstufen gruppiert als Frauen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit verrichten. Die heutige zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, hat als Tarifsekretärin die Erfahrung gemacht, dass Arbeitgeber oft systematisch versuchen, auf Kosten der Frauen zu sparen. »Vielfach wurden Tätigkeiten von Teamassistentinnen unter Wert beschrieben, um sie entsprechend niedriger eingruppieren zu können«, berichtet sie. »Ein anderes Beispiel ist die tarifliche Leistungszulage. Ohne gute Betriebsvereinbarungen dazu wird sie meist nach Gutdünken unter den Beschäftigten verteilt, und dann bekommen Männer in der Regel höhere Zulagen als Frauen.« Nach Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erhielten 2013 zum Beispiel Köche im Monat ein Bruttogehalt von 2 090 Euro, Köchinnen nur 1 648 Euro, Metallarbeiter bekamen 2 659 Euro, Metallarbeiterinnen 2 078 Euro. Männliche Verwaltungs­fach­angestellte erhielten 3 309 Euro, weibliche 2 724 Euro.

Oft wissen Frauen gar nicht, dass der Kollege nebenan sehr viel mehr verdient. Denn in Deutschland gehört es zum guten Ton, nicht über die Höhe des eigenen Verdienstes zu reden. Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig will mehr Transparenz schaffen und Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten zu einem Bericht verpflichten, in dem sie ihre Bemühungen für mehr Lohngerechtigkeit dokumentieren. Den Unternehmensverbänden geht schon das zu weit.

Mehr verspricht die flankierende Initiative zum Gesetz: Schwesig will gemeinsam mit Gewerkschaften und Arbeitgebern Projekte initiieren, »um die Muster von struktureller Entgeltungleichheit in Tarifverträgen zu erkennen und zu überwinden«, wie es in einer Erklärung ihres Ministeriums heißt.

Nach einer Untersuchung der Böckler-Stiftung profitieren Frauen stärker als Männer davon, wenn sie in tarifgebundenen Arbeitsverhältnissen tätig sind. Bei Beschäftigungsverhältnissen ohne tarifvertragliche Bestimmungen entscheidet der Chef alleine über den Lohn – oft genug willkürlich. Sexismus spielt eine wichtige Rolle bei der Unterbezahlung von Frauen. Nicht nur Berufspausen für die Erziehung und Probleme bei der Kinderbetreuung blockieren Frauen – damit haben auch immer mehr Männer zu kämpfen. Aber erstaunlicherweise berichten viele Männer, dass ihnen eine Kinderauszeit bei der Karriere eher geholfen hat.

Dass es Handlungsbedarf gibt, weiß auch Hille. »Ändern müssen sich die Erwerbsverläufe von Frauen«, fordert er. Die Unternehmen würden schon allerlei dafür tun, etwa auf flexible Arbeitszeiten setzen. »Zu guter Letzt sind die Frauen auch selbst gefordert, sich für andere Karrierewege zu entscheiden«, teilt sein Institut mit. Die Botschaft: Frauen sind selbst schuld, sollen sie sich doch einen besser bezahlten Beruf suchen.

In diese Kerbe schlägt auch die deutsche Initiative »Equal pay day«, die sich am internationalen Aktionstag für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen beteiligt. Der diesjährige findet Samstag statt – unter dem Motto »Berufe mit Zukunft«. Der Blick wird also konsequent auf die Beschäftigten selbst gerichtet und nicht auf diejenigen, die für die schlechtere Bezahlung verantwortlich sind. Kein Wunder: Teil des nationalen Aktionsbündnisses sind die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und der Verband deutscher Unternehmerinnen.

Jihadismus gegen die Willkommenskultur

„Wenn die Tat ein weiterer Sargnagel für die fragile deutsche „Willkommenskultur“ wird, ist dies ein Sieg für den IS und alle radikalen Islamisten weltweit.“

Hannah Wettig via Jungle World

Mit jedem Attentat in Paris, in Brüssel, in Istanbul wuchs die Angst. Wird es ein stehengelassener Rucksack sein wie damals in Madrid? Ein Sprengkörper in einer Mülltonne wie kürzlich in New York? Nun war es ein LKW wie in Nizza. Ein Laster raste in einen beliebten und belebten Weihnachtsmarkt vor einer der bekanntesten Kirchen Berlins – zwölf Tote, Dutzende Verletzte. Auch wenn die Motive hinter der Tat noch nicht geklärt sind, spricht vieles dafür, dass es sich um einen Anschlag in der Tradition der oben genannten handelt.

Hinter den benannten Anschlägen steckt noch eine Logik, die sich schon in den frühesten Schriften militanter Islamisten findet. Der moderne Islamismus hat von Anfang an auf den Gegensatz von Orient und Okzident gebaut. Die These vom „Zusammenprall der Zivilisationen“ ist nicht die Erfindung Samuel Huntingtons. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, von diesem Gegensatz gesprochen. Der radikale Ideologe Said al-Qutb hat die These in seinen Gefängnisschriften ausgebaut.

Dass Orient und Okzident unvereinbar im Widerspruch stünden, ist Kern islamistischer Ideologie. Es ist die Grundlage für ihre sichtbarste politische Forderung: Die Verschleierung der Frau und die Ablehnung jeglichen „westlichen“ Verhaltens – womit eine Vielzahl von Verhaltenweisen gemeint sein kann, von Sport bis Make-up. Diese These ist aber auch Grund für die Leerstelle der islamistischen Politik in Bezug auf alle anderen Fragen: Sie haben keine wirtschaftlichen, sozialstaatlichen oder sicherheitspolitischen Konzepte. Genau deshalb brauchen sie diesen Gegensatz so dringend: Andere Erklärungen für die Missstände der Welt, etwa kapitalismuskritische, sozialdemokratische oder auch imperial-neoliberale, haben sie nicht.

Ihr Zulauf in der Bevölkerung baut allein darauf, dass die Islamisten seit Jahrzehnten predigen, dass das Westliche und die Verwestlichung an allem Übel schuld seien – wohlgemerkt: Nicht „der Westen“ wie es die Antiimperialisten meist missverstehen und so in den Islamisten Brüder im Geiste erkennen, sondern jegliches Verhalten und alle Symbole, die westlich anmuten.

Das Schlimmste, das dem politischen Islam passieren kann, ist, dass dieses Weltbild bei ihrer potenziellen Anhängerschaft ins Wanken gerät. Darum sind gerade Muslime, die einen westlichen Lebensstil bevorzugen, ein bevorzugtes Angriffsziel. Aber auch den „Willkommenssommer“ in Deutschland im vergangenen Jahr müssen Islamisten als Gefahr wahrnehmen. Ausgerechnet ein Land der Ungläubigen hat hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen aus einem Krieg, den die Jihadisten als Werk der Ungläubigen darstellen und aus dem sie derzeit ihr größtes Kapital ziehen. Noch dazu erschienen diese Ungläubigen oft menschlicher gegenüber den Flüchtlingen als die muslimischen „Brüder und Schwestern“ in den Nachbarländern. Das liegt auch daran, dass die Kapazitäten dort ausgeschöpft sind. Aber der Einzelne erlebt es so, dass er in der Türkei, dem Libanon oder in Jordanien die Aussichtslosigkeit gigantischer Massenauffanglager erleben muss, während er in Deutschland mit offenen Armen empfangen wird von Menschen, die ihn am Bahnhof mit Decken und Verpflegung erwarten. Ein Bild, ein Gegensatz, ein nachhaltiger Eindruck.

Als Kriegspartei ist Deutschlands Rolle irrelevant. Aber Merkels Deutschland als Leuchtturm der Hoffnung und Errettung aus dem Elend der Flucht – dieses Bild zu zerstören, würde den Interessen des „Islamischen Staates“ (IS) dienen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und mit ihr die Mehrheit der deutschen Bevölkerung haben den Gegensatz von Orient und Okzident – das Fundament des Islamismus selbst – für einen Moment aufgehoben. Gleich wer hinter der Tat von Berlin steckt – wenn sie ein weiterer Sargnagel für die fragile deutsche „Willkommenskultur“ wird, ist dies ein Sieg für den IS und alle radikalen Islamisten weltweit.

Minderheiten sind keine homogenen Gemeinschaften

Warum scheint es insbesondere ­europäischen Feministinnen oder Linken so schwer zu fallen, Religion grundsätzlich zu kritisieren?

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„Ein Teil der Linken sieht wegen seiner antiimperialistischen Neigung und seiner antikolonialen Perspektive jeden Widerstand gegen imperialistische Staaten als revolutionäre Kraft. Diese #Linke kann nicht verstehen, dass der #Islamismus, auch wenn er den westlichen Imperialismus herausfordert, ebenso eine regressive und unterdrückerische Kraft ist.“
Minderheiten sind keine homogenen Gemeinschaften

Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse

Ein kurzes, lesenswertes Interview mit Frigga Haug über Marxismus und Feminismus.
„Dies bedeutet, dass Kapitalismuskritik und Feminismus nur zusammen als erfolgreiches Befreiungsprojekt gelingen können.“
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Seit etwa 40 Jahren versucht die Soziologin und Philosophin Frigga Haug, Marxismus und Feminismus zu vereinen – zunächst in der 68er- und der Frauen­bewegung ­sowie später als Soziologieprofessorin in Hamburg, als Mitherausgeberin der Zeitschrift »Das ­Argument« und als Redakteurin des »Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus«. Anfang Oktober nahm sie an der zweiten »Marxistisch-Feministischen Konferenz« in Wien teil.

Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse

I Am a Woman Now« fünf alternde Frauen, die sich bei einem legendären Arzt in Casablanca einer Geschlechtsanpassung unterzogen haben

War es die richtige Entscheidung, wie ging das Leben nach der Operation weiter? Der Dokumentarfilmer Michiel van Erp porträtiert in »I Am a Woman Now« fünf alternde Frauen, die sich bei einem legendären Arzt in Casablanca einer Geschlechtsanpassung unterzogen haben.
VON TIM STÜTTGEN
Via

Der Dokumentarfilm hat das Thema Transgender längst entdeckt und verhilft Transmenschen zu einer Repräsentation in der Gesellschaft. Der niederländische Filmemacher Michiel von Erp, der sich in der Dokumentarfilmreihe »Lang Leve … « (Long Live …) mit den alltäglichen Wünschen und Ängsten seiner Mitbürger beschäftigt und dafür nationale und internationale Auszeichnungen erhalten hat, konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm »I Am a Woman Now« auf die Pionierinnen der Transgender-Geschichte. Anstatt die bunte Welt von queeren Szene-Figuren zu zeigen, interessiert er sich für ältere Transfrauen, die ihren Weg zur Geschlechts­anpassung noch ohne die Unterstützung einer Community gehen mussten und an ihrem Lebensabend auf die eigene Geschichte zurückblicken.

Steuern gelassen dem Hafen des Alters entgegen: Transgender-Personen der ersten Generation (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
Auch wenn der Wechsel von einem zum anderen Geschlecht auch heute noch sehr viel Mut erfordert, bedeutete dieser Schritt in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ein ungleich größeres Wagnis. Die fünf Protagonistinnen des Filmes teilen nicht nur die Erfahrung, zu den ersten zu gehören, die diesen steinigen Weg gegangen sind, sie sind auch alle Patientinnen des inzwischen verstorbenen legendären französischen Arztes Georges Burou, der seit den fünfziger Jahren in Casablanca Geschlechtsumwandelungen vorgenommen hat, ohne seine Kundschaft demütigenden psychiatrischen Untersuchungen zu unterziehen.

Einfühlsam erkundet der Film, wie die transition das Leben der fünf Personen verändert hat, und zeigt sowohl Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Biographien. Die inzwischen verstorbene Colette Behrend aus den Niederlanden machte nach ihrer Operation eine Karriere als Travestiekünstlerin in Europa und Nordafrika, bevor sie einen eigenen Beauty-Salon öffnete. Die Transfrau, die wir im Film dabei beobachten können, wie sie einer Kundin in ihrem Salon die Nägel manikürt, strahlt Zufriedenheit aus und scheint als Frau in ihrem Alltag angekommen zu sein.

April Ashley und Marie-Pierre Pruvot scheinen so ganz dem Klischee der Transfrau zu entsprechen, die nach ihrer Operation als Performerin im Varieté und als Fotomodell die Welt des Glamour erobert. Schwärmerisch sprechen sie von ihrer Zeit als Showgirls im Pariser Nachtleben und sind stolz darauf, dass sie Abend für Abend die Blicke der Männer auf sich zogen. Insbesondere April Ashley strahlt ein hohes Selbstwertgefühl aus, das sie auch im hohen Alter nicht verlassen hat. Als Sexarbeiterin habe sie Aristokraten verführt, als Model war sie in der Vogue. Doch das Outing durch eine britische Zeitung zerstörte ihre Karriere. Zwar erwähnt sie auch mehrere Selbstmordversuche, doch ihre Aura und Eleganz überstrahlen die negativen Aspekte ihrer Biographie. Als sie einen schwulen Freund besucht, schwärmt er von ihrer damaligen Schönheit, während die beiden bei strahlend blauem Himmel einen Ausflug auf einem Motorboot unternehmen. Stärker noch als alle anderen Figuren scheint April sich sicher zu sein, dass sie nichts im Leben zu bereuen hat. »Sehr viele Leute«, erzählt sie, »sagen am Ende des Lebens so was wie: Hätte ich nur … Das ist bei mir nicht der Fall. Ganz und gar nicht.« Im Jahre 2012 wurde sie in England für ihre Verdienste für die Gleichberechtigung von Transgender-Personen ausgezeichnet.

Die Geschichte von Jean Lessenich aus Remagen zeigt hingegen, wie verschlungen die Wege von Transgender-Personen sein können. Nicht jede Transperson erlebt den Wechsel von einem Geschlecht zum anderen als linearen Prozess. So berichtet Jean davon, wie unsicher sie in Hinblick auf ihre Identität auch heute noch sei. Der Liebe wegen lebte sie eine Zeitlang wieder als Mann: Zwölf Jahre nach ihrer Geschlechtsumwandlung performte Jean die maskuline Rolle, um ihre japanische Lebenspartnerin heiraten zu können und ihr den Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Nach dem Tod der Partnerin bewegt sich Jean jedoch wieder als Frau durch die Welt. Ihre Geschichte erinnert daran, dass es das Ideal der perfekten transition nicht für jede Transperson gleichermaßen gibt. Hingegen erlebt sie Gender als fortwährend sich aktualisierenden, instabilen Prozess: »Ich hatte natürlich die Phantasie, dass man durch die Operation zu einer richtigen Frau wird. Aber das, was ich erwartet habe, ist nicht sofort eingetreten. Das ist erst Wochen später eingetreten.« Jeans Geschichte zeugt auch von dem spannungsreichen Verhältnis von Feministinnen zur ersten Transgender-Generation. An Stelle von Solidarität habe sie oft »radikale Ablehnung« erlebt.

Wenn man die Erfahrungen der fünf Protagonistinnen mit denen der jüngeren Transgender-Generation vergleicht, fällt schmerzlich auf, wie viel Einsamkeit eine Transperson damals ertragen musste. Es gab keine queere Szene, keine Beratungsstellen, keine zugänglichen Informationen, kein Internet und keine Vernetzung, so dass die Frauen gezwungen waren, mit allem selbst klarzukommen. Auch nach der OP hörte das Versteckspiel nicht auf, die Frauen verschwiegen auch guten Freunden und Freundinnen und selbst dem Partner oder der Partnerin ihre Vergangenheit als Cisgender-Männer. Die Belgierin Corinne von Tongerloo erzählt, dass sie immer sehr lange gewartet habe, bis sie sich ihrem Liebhaber offenbart habe. Sie wollte ganz sicher sein, dass sich der Mann in sie verliebt hatte, erst dann habe sie sich geoutet. Trotzdem habe sie es oft erlebt, dass ihre Partner sich von ihr ab- und einer anderen Frau zuwandten. In einer Szene findet Corinnes Outing gar vor laufender Kamera statt: Bewegend ist es, wie Corinne im hohen Alter ihrer besten Freundin das erste Mal von ihrer Trans-Identität erzählt. Die Freundin reagiert nicht mit transphober Abneigung, ist aber sichtlich schockiert. Hier wird deutlich, wie sehr Zweigeschlechtlichkeit immer noch als Norm gilt.

Doch die Szene wirft auch die Frage auf, wo die Grenzen eines Dokumentarfilms liegen – wäre es nicht angemessener, die Kamera in solch einer intimen Situation auszuschalten? Insgesamt bleibt der Umgang des Regisseurs jedoch respektvoll. Sicherlich gibt es visuell aufregendere und virtuosere Filme über Drag- und Trans-Identitäten als diesen. Aber die Empathie, die der Film den alternden Ladies entgegenbringt, und die Geduld, mit der er ihre Lebenswege rekonstruiert, entschädigen einen dafür.

Filmstart: 12.April

Iran: Dress Like A Woman

Eine neue Kampagne aus dem Iran: Act Like a Man, dress Like a Woman.
Von Thomas von der Osten-Sacken

Der Hintegrund:

A man dressed in a red dress with a veil on his head was paraded by security forces through the streets of Marivan in the Kurdistan province of Iran on Monday, April 15, 2012. A local court decided this would be the punishment for three men, reportedly found guilty in domestic disputes. The exact circumstances are unclear, but the mere idea of this punishment has angered many.

Women in Marivan held a protest against the sentence on Tuesday, saying it is more humiliating to women than it is to the convicted men. According to one human rights activist, security forces physically attacked protesters [fa]. A video shows women marching through the streets.

Die Reaktion:

Online, several Iranian men have photographed themselves dressed as women as part of a Facebook campaign to say, “Being a woman is not an instrument to punish or humiliate anybody.”

„Blasphemie ist zum Glück nicht strafbar“

Mitte November demonstrierten in Paris und anderen Städten Frankreichs Zehntausende Konservative, christliche Fundamentalisten und Rechtsextreme gegen die geplante Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe (Jungle World 47/2012). Teilnehmerinnen einer geplanten Gegenkundgebung der Gruppe Femen wurden in Paris von den Demonstranten verprügelt. Die Journalistin und Verlegerin des Magazins Pro Choix, Caroline Fourest, die das Geschehen filmte, wurde ebenfalls angegriffen und verletzt. Mit ihr sprach die Jungle World über den Vorfall und die Konsequenzen für das Gesetz zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, das am 13. Januar verabschiedet werden soll.


Was ist während der Aktion von Femen in Paris passiert? Die Videos zeigen vor allem Chaos.

Ich bin selbst in der Masse der Demonstranten mitgelaufen und habe mit einer kleinen Kamera gefilmt. Da mein Kamerateam den Aktivistinnen von Femen gefolgt ist, waren wir zunächst getrennt. Ich befand mich mitten unter den Demonstranten gegen die »Ehe für alle«. Um nicht erkannt zu werden, trug ich eine Mütze, einen großen Schal und eine dicke Jacke. Zunächst konnte ich meine Tarnung aufrechterhalten.

Dann kamen zunächst als Nonnen verkleidete Aktivistinnen von Femen, die sich auszogen. Auf ihren Körpern standen Slogans wie »In gay we trust«. Währenddessen beobachtete ich, wie sich innerhalb der Demonstration kleine Gruppen bildeten. Darunter waren vor allem Mitglieder von Civitas, der christlich-fundamentalistischen Organisation, die die Demonstration angemeldet hatte. Ihnen schlossen sich aber auch gewaltbereite rechtsextreme Demonstranten an. Ich bin ihnen weiter gefolgt, als sie anfingen, die Aktivistinnen von Femen brutal anzugreifen. Da ich mich, um zu filmen, in unmittelbarer Nähe der Angreifer aufhielt, wurde auch ich plötzlich auf die Straße gestoßen. Mehrere Männer traten mir gegen Bauch, Rücken und Beine, während ich am Boden lag. Ich schaffte es, mich aufzurichten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich immer noch meine Mütze auf dem Kopf, aber jemand riss sie mir herunter und schrie: »Das ist Caroline Fourest, die dreckige Schlampe. Lauf, du dreckige Hure, wir werden dich umbringen!« Daraufhin haben mich mehrere Männer festgehalten und mich wieder getreten, auch gegen den Kopf.

Das klingt, als wären Sie nicht das erste Mal Ziel eines solchen Angriffs gewesen.

Sie können sich wohl vorstellen, dass ich nicht die Lieblingsjournalistin der extremen Rechten bin! Ich bekomme regelmäßig beleidigende Post, vor allem von religiösen Extremisten, Islamisten oder Rechtsextremen. Daher habe ich auch verdeckt gefilmt. Allerdings war ich nicht alleine unterwegs, meine Kollegen wurden auch belästigt und an­gegriffen. Die Aktivistinnen von Femen sind von wild gewordenen Männern angegriffen worden, die offensichtlich nur dort waren, um Homosexuelle zu verprügeln. Man muss sich das vorstellen, diese Leute haben sich auf halbnackte Frauen gestürzt, die friedlich demonstrierten. Dabei haben sie Dinge gerufen wie: »Dreckige Lesben, wir bringen euch um!«

Wird es strafrechtliche Konsequenzen für die Angreifer geben?

Natürlich. Es gab mehrere Anzeigen, die von der Polizei auch sehr ernst genommen werden. Die Identifizierung der Aggressoren ist im Gange.

Civitas hat angekündigt, Strafanzeige gegen Femen wegen Exhibitionismus zu erstatten.

(Lacht) Hier wird versucht, juristisch auf Anschuldigungen gegenüber der eigenen Organisation zu reagieren, die um ein Vielfaches ernster sind. Civitas droht im härtesten Fall die Auflösung. Unter anderem auch dafür, dass der von Civitas gestellte Ordnungsdienst teilweise mit dem angreifenden Mob kooperiert hat. Das betrifft nicht den Ordnungsdienst in seiner Gesamtheit, einige haben auch versucht, die Lage zu beruhigen. Andere aber haben sich an dem Angriff auf die Frauen beteiligt. Es gibt Videos und Fotos, die das belegen. Die Frauen von Femen wurden vom Ordnungsdienst zunächst zurückgedrängt, weg von den Demonstranten um Civitas. Dabei möchte ich noch einmal deutlich machen, dass die in den Videos zu sehenden Sprühflaschen der Frauen kein Tränengas enthielten. Es kam deshalb nie zu einer Anwendung von Tränengas ihrerseits. Die weiße Substanz, die zu sehen ist, war lediglich Rauch, den vor allem die Aktivistinnen selbst eingeatmet haben. Während sie von den Demonstranten getrennt wurden, haben sie sich umarmt und gerufen: »Marie. Marry me!« Ein ziemlich humorvoller Slogan, finde ich. Kurz darauf wurden sie von einer Gruppe Männer angegriffen, die ganz klar den Jungen Nationalisten zuzuordnen sind. Eine der gewalttätigsten Gruppen der Rechtsextremen. Diese Angreifer erwarten jetzt sehr ernste Strafen. Die Organisation Civitas reagiert nur darauf, indem sie den Frauen von Femen Pornographie, Exhibitionismus und eine Art »anti-christlichen Rassismus« vorwirft. Das ist nämlich der einzige juristisch handhabbare Weg in Frankreich, gegen Blasphemie vorzugehen.

Ist es denn wahrscheinlich, dass Civitas mit dieser Anzeige ernst genommen wird?

Nein. Auf der einen Seite haben wir ein humorvolles Happening, das natürlich blasphemisch ist, aber zum Glück ist Blasphemie in Frankreich ja nicht strafbar. Auf der anderen Seite geht es um extreme physische Gewalt, die gegen Femen und einige Journalisten angewandt wurde. Ich denke, es ist klar, welchem von beiden die Justiz mehr Bedeutung beimessen wird.

Kurz nach den Übergriffen hat François Hollande anerkannt, dass den Bürgermeistern, die sich weigern, die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Partner zu vollziehen, »Gewissensfreiheit« zustehe. Ist das ein Zugeständnis gegenüber den Konservativen?

Ein bisschen komplexer ist es schon. Ich bin davon überzeugt, dass der Präsident und seine Regierung zutiefst schockiert sind von dem, was sich auf der Demonstration ereignet hat. Nun hat Hollande sich allerdings missverständlich ausgedrückt, als er sich an die Bürgermeister der Republik wandte. Mittlerweile hat er das korrigiert. Er wollte nicht sagen, dass eine Gewissensklausel in diesen Gesetzesentwurf aufgenommen wird. Vielmehr wollte er den Bürgermeistern, die mit diesem Gesetz nicht einverstanden sind, mitteilen: »Wenn ihr euch nicht in der Lage seht, eine solche Ehe zu schließen, dann habt ihr die Möglichkeit, diese Aufgabe an eure Stellvertreter zu delegieren.« Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Hunderttausende Menschen gegen die »Ehe für alle« auf die Straße gehen. Die gleiche Situation gab es schon 1998 beim sogenannten Pax (Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Partner in Frankreich, Anm. d. Red.). Aber trotz dieses Widerstands ist der Pax dann beschlossen worden. Die Mehrheit der Franzosen ist für die Legalisierung der »Ehe für alle«, der Gesetzesentwurf war auch Teil von Hollandes Regierungsprogramm.

Sie glauben also, dass der Gesetzesentwurf in seiner jetzigen Form im Januar vom Parlament verabschiedet wird?

Ja, aber die Debatte darüber wird noch lang und hart. Schon beim Pax ist es so gewesen. Heute haben wir fast dieselbe Ausgangslage. Erzkonservative Katholiken schaffen es, durch Demonstrationen und homophobe Kampagnen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihnen schließen sich gewaltbereite Rechtsextreme an, denen es nur darum geht, Homosexuelle physisch und verbal anzugreifen. Letztlich aber wird das Parlament im Sinn der Mehrheit aller Franzosen entscheiden und das Gesetz verabschieden.

Hatten die Angriffe Auswirkungen auf die Bereitschaft der Franzosen, für die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner zu demonstrieren?

Die stillen Unterstützer der »Ehe für alle« sind dadurch in gewissem Sinne aufgewacht. Auch wenn sie sich in der Mehrheit wissen, sind wenige bereit, auf die Straße zu gehen. Für den 16. Dezember sind erneut Demonstrationen gegen die »Ehe für alle« angekündigt, aber daran werden wohl weniger Vertreter der katholischen Familienbewegung teilnehmen. Sie demonstrieren gegen einen Gesetzesentwurf, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Parlament passieren wird. Ich denke daher, auf den kommenden Kundgebungen werden sowohl weniger Demonstranten als auch weniger Gegendemonstranten sein. Umfragen zufolge ist die Mehrheit der Franzosen nach wie vor für die Legalisierung.

Extremismus à la russe

Wer sich gerne noch einmal auf YouTube den Videoclip von der Aktion der Punk-Aktionskünstlerinnen von Pussy Riot im Februar 2012 in der Moskauer Erlöserkathedrale ansehen möchte, sollte sich beeilen. Heute stufte ein Moskauer Gericht den Clip als „extremistisch“ ein und veranlasste die Blockierung praktisch aller bisher im Internet veröffentlichten Videoaufnahmen der Perfomances von Pussy Riot.

Bemerkenswert sind die Schlussfolgerungen aus den vorgelegten Gutachten. Da ist die Rede von „versteckten Aufrufen zu solchen Handlungen, wie die Organisierung von Massenunruhen auf Plätzen, wie Occupy Wall Street oder in arabischen Ländern“. Das Russische Institut für Kulturwissenschaft will in besagtem Videoclip gar den „Aufruf zur Arbeit mit den Strafverfolgungsbehörden mit dem Ziel, einen Teil dessen Angehöriger auf die eigene Seite zu ziehen“ bemerkt haben. Dass der Punk-Auftritt in der Kirche die Gefühle Gläubiger verletzt habe, ist ja bereits hinreichend bekannt. Für die sorgfältige und von Fachkenntnis geprägte Überprüfung der skandalträchtigen Videos sorgte Alexander Starowojtow, Dumaabgeordneter der Zhirinowskij-Partei LDPR mit einem Antrag an die Staatsanwaltschaft.

Zwei der drei im August wegen der gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gerichteten Performance vor Gericht gestellten Frauen von Pussy Riot, Nadezhda Tolokonnikowa und Maria Aljochina, verbüßen derzeit ihre zweijährigen Haftstrafen in russischen Strafkolonien. Deren Ruhm macht den Gefängnisleitungen jedoch zu schaffen. Nach Drohungen, Beleidigungen und Angriffen seitens ihrer Mithäftlinge sah sich Maria gezwungen, die Leitung um Schutz zu bitten. Dieser Schritt ist äußerst riskant, denn jegliche Ermittlungsmassnahmen zur Klärung des Sachverhalts wirken sich in der „Zone“, wie die Kolonien auch genannt werden, in der Regel am Ende gegen die Hilfesuchenden aus. Vorerst kann sich Maria Aljochina nur in Begleitung des Gefängnispersonals auf dem Gelände der Strafkolonie bewegen. Allerdings gilt die im Permer Gebiet gelegene Zone als vorbildliche „rote Kolonie“, in der der gesamte Ablauf im Unterschied zu vielen anderen komplett durch die Gefängnisleitung bestimmt wird. Sprich, es ist anzunehmen, dass diese die Angriffe auf ihre berühmteste Insassin selbst initiiert hat, um Maria dazu zu bewegen, einen Antrag auf Verlegung in eine andere Strafkolonie zu stellen.

von Ute Weinmann
via

„Männer werden ab 21.12. wie Frauen behandelt“ – scheint schrecklich zu sein…

Ivo Bovic über Unisexismus in der Umkleidekabine

„Die ganze Welt ist gleichberechtigt, nur eine letzte kleine Bastion bleibt uns Männern, wo wir den Frauen gegenüber noch einen bescheidenen Vorteil genießen dürfen. Und die soll nun auch noch geschliffen werden. Nicht mit uns! Wehrt Euch, Männer!“

Das will uns die Sparkasse offenbar weismachen, mit ihrer neuen Werbekampagne anlässlich der Einführung der Unisex-Tarife bei Renten- und Lebensversicherungen Ende des Jahres. Ungleiche Tarife gab es bisher aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartung. Frauen leben zum Beispiel in Deutschland etwa fünf Jahre länger als Männer. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat beschlossen, dass alle Versicherungsunternehmen ab dem 21.Dezember 2012 nur noch Unisex-Tarife anbieten dürfen.

Folgende Plakate fand ich bei mir im Fitnessstudio und zwar in der Umkleidekabine der Männer und in der Männerdusche. Ich glaube, ein Kommentar ist überflüssig…