I Am a Woman Now« fünf alternde Frauen, die sich bei einem legendären Arzt in Casablanca einer Geschlechtsanpassung unterzogen haben

War es die richtige Entscheidung, wie ging das Leben nach der Operation weiter? Der Dokumentarfilmer Michiel van Erp porträtiert in »I Am a Woman Now« fünf alternde Frauen, die sich bei einem legendären Arzt in Casablanca einer Geschlechtsanpassung unterzogen haben.
VON TIM STÜTTGEN
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Der Dokumentarfilm hat das Thema Transgender längst entdeckt und verhilft Transmenschen zu einer Repräsentation in der Gesellschaft. Der niederländische Filmemacher Michiel von Erp, der sich in der Dokumentarfilmreihe »Lang Leve … « (Long Live …) mit den alltäglichen Wünschen und Ängsten seiner Mitbürger beschäftigt und dafür nationale und internationale Auszeichnungen erhalten hat, konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm »I Am a Woman Now« auf die Pionierinnen der Transgender-Geschichte. Anstatt die bunte Welt von queeren Szene-Figuren zu zeigen, interessiert er sich für ältere Transfrauen, die ihren Weg zur Geschlechts­anpassung noch ohne die Unterstützung einer Community gehen mussten und an ihrem Lebensabend auf die eigene Geschichte zurückblicken.

Steuern gelassen dem Hafen des Alters entgegen: Transgender-Personen der ersten Generation (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
Auch wenn der Wechsel von einem zum anderen Geschlecht auch heute noch sehr viel Mut erfordert, bedeutete dieser Schritt in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ein ungleich größeres Wagnis. Die fünf Protagonistinnen des Filmes teilen nicht nur die Erfahrung, zu den ersten zu gehören, die diesen steinigen Weg gegangen sind, sie sind auch alle Patientinnen des inzwischen verstorbenen legendären französischen Arztes Georges Burou, der seit den fünfziger Jahren in Casablanca Geschlechtsumwandelungen vorgenommen hat, ohne seine Kundschaft demütigenden psychiatrischen Untersuchungen zu unterziehen.

Einfühlsam erkundet der Film, wie die transition das Leben der fünf Personen verändert hat, und zeigt sowohl Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Biographien. Die inzwischen verstorbene Colette Behrend aus den Niederlanden machte nach ihrer Operation eine Karriere als Travestiekünstlerin in Europa und Nordafrika, bevor sie einen eigenen Beauty-Salon öffnete. Die Transfrau, die wir im Film dabei beobachten können, wie sie einer Kundin in ihrem Salon die Nägel manikürt, strahlt Zufriedenheit aus und scheint als Frau in ihrem Alltag angekommen zu sein.

April Ashley und Marie-Pierre Pruvot scheinen so ganz dem Klischee der Transfrau zu entsprechen, die nach ihrer Operation als Performerin im Varieté und als Fotomodell die Welt des Glamour erobert. Schwärmerisch sprechen sie von ihrer Zeit als Showgirls im Pariser Nachtleben und sind stolz darauf, dass sie Abend für Abend die Blicke der Männer auf sich zogen. Insbesondere April Ashley strahlt ein hohes Selbstwertgefühl aus, das sie auch im hohen Alter nicht verlassen hat. Als Sexarbeiterin habe sie Aristokraten verführt, als Model war sie in der Vogue. Doch das Outing durch eine britische Zeitung zerstörte ihre Karriere. Zwar erwähnt sie auch mehrere Selbstmordversuche, doch ihre Aura und Eleganz überstrahlen die negativen Aspekte ihrer Biographie. Als sie einen schwulen Freund besucht, schwärmt er von ihrer damaligen Schönheit, während die beiden bei strahlend blauem Himmel einen Ausflug auf einem Motorboot unternehmen. Stärker noch als alle anderen Figuren scheint April sich sicher zu sein, dass sie nichts im Leben zu bereuen hat. »Sehr viele Leute«, erzählt sie, »sagen am Ende des Lebens so was wie: Hätte ich nur … Das ist bei mir nicht der Fall. Ganz und gar nicht.« Im Jahre 2012 wurde sie in England für ihre Verdienste für die Gleichberechtigung von Transgender-Personen ausgezeichnet.

Die Geschichte von Jean Lessenich aus Remagen zeigt hingegen, wie verschlungen die Wege von Transgender-Personen sein können. Nicht jede Transperson erlebt den Wechsel von einem Geschlecht zum anderen als linearen Prozess. So berichtet Jean davon, wie unsicher sie in Hinblick auf ihre Identität auch heute noch sei. Der Liebe wegen lebte sie eine Zeitlang wieder als Mann: Zwölf Jahre nach ihrer Geschlechtsumwandlung performte Jean die maskuline Rolle, um ihre japanische Lebenspartnerin heiraten zu können und ihr den Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Nach dem Tod der Partnerin bewegt sich Jean jedoch wieder als Frau durch die Welt. Ihre Geschichte erinnert daran, dass es das Ideal der perfekten transition nicht für jede Transperson gleichermaßen gibt. Hingegen erlebt sie Gender als fortwährend sich aktualisierenden, instabilen Prozess: »Ich hatte natürlich die Phantasie, dass man durch die Operation zu einer richtigen Frau wird. Aber das, was ich erwartet habe, ist nicht sofort eingetreten. Das ist erst Wochen später eingetreten.« Jeans Geschichte zeugt auch von dem spannungsreichen Verhältnis von Feministinnen zur ersten Transgender-Generation. An Stelle von Solidarität habe sie oft »radikale Ablehnung« erlebt.

Wenn man die Erfahrungen der fünf Protagonistinnen mit denen der jüngeren Transgender-Generation vergleicht, fällt schmerzlich auf, wie viel Einsamkeit eine Transperson damals ertragen musste. Es gab keine queere Szene, keine Beratungsstellen, keine zugänglichen Informationen, kein Internet und keine Vernetzung, so dass die Frauen gezwungen waren, mit allem selbst klarzukommen. Auch nach der OP hörte das Versteckspiel nicht auf, die Frauen verschwiegen auch guten Freunden und Freundinnen und selbst dem Partner oder der Partnerin ihre Vergangenheit als Cisgender-Männer. Die Belgierin Corinne von Tongerloo erzählt, dass sie immer sehr lange gewartet habe, bis sie sich ihrem Liebhaber offenbart habe. Sie wollte ganz sicher sein, dass sich der Mann in sie verliebt hatte, erst dann habe sie sich geoutet. Trotzdem habe sie es oft erlebt, dass ihre Partner sich von ihr ab- und einer anderen Frau zuwandten. In einer Szene findet Corinnes Outing gar vor laufender Kamera statt: Bewegend ist es, wie Corinne im hohen Alter ihrer besten Freundin das erste Mal von ihrer Trans-Identität erzählt. Die Freundin reagiert nicht mit transphober Abneigung, ist aber sichtlich schockiert. Hier wird deutlich, wie sehr Zweigeschlechtlichkeit immer noch als Norm gilt.

Doch die Szene wirft auch die Frage auf, wo die Grenzen eines Dokumentarfilms liegen – wäre es nicht angemessener, die Kamera in solch einer intimen Situation auszuschalten? Insgesamt bleibt der Umgang des Regisseurs jedoch respektvoll. Sicherlich gibt es visuell aufregendere und virtuosere Filme über Drag- und Trans-Identitäten als diesen. Aber die Empathie, die der Film den alternden Ladies entgegenbringt, und die Geduld, mit der er ihre Lebenswege rekonstruiert, entschädigen einen dafür.

Filmstart: 12.April